Am 30.06.2026 durften wir als CSD Kiel e. V. beim offiziellen CSD Empfang der Stadt Kiel dabei sein – wir sagen DANKE für diesen starken Abend!
Danke an Frau Aust, Kiels Stadtpräsidentin, für ihre wertschätzenden Worte. Danke auch die anderen Rednerinnen des Abends.
Wir selbst durften ebenfalls sprechen – über das, was uns bewegt:
Die Rede des CSD Kiel e. V. zum CSD Empfang der Landeshauptstadt Kiel am 30.06.2026
Liebe Alle, vielen Dank, dass Sie heute hier sind.
Denn Ihre Anwesenheit zeigt eines: Sie nehmen sich Zeit. Aber die eigentliche Frage ist: Nehmen Sie auch Verantwortung?
Unser Motto in diesem Jahr lautet: „Sichere Häfen für alle.“ Kiel kennt diesen Begriff. Diese Stadt versteht etwas von Häfen. Von Schutz. Von Ankommen. Von Orientierung.
Ein Hafen ist ein Ort, an dem Menschen sicher sind. Nicht vielleicht. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.
Doch für viele queere Menschen ist unsere Gesellschaft noch immer kein sicherer Hafen. Sie ist ein Ort, an dem man überlegt, ob man die Hand des geliebten Menschen hält. Ein Ort, an dem Jugendliche ihre Stimme verstellen. Ein Ort, an dem trans* Menschen morgens überlegen, ob sie heute sie selbst sein können. Ein Ort, an dem Eltern Angst haben, dass ihr Kind queer sein könnte – weil sich denken, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt und/oder sie wissen, wie diese Gesellschaft reagiert. Und genau darüber müssen wir sprechen.
Denn häufig hören wir: „Deutschland ist doch weit.“, „Wir haben doch die Ehe für alle.“, „Queere Menschen sitzen im Bundestag.“, „Es gibt Regenbogenflaggen vor Rathäusern.“
Ja. All das stimmt. Und gleichzeitig stimmt etwas anderes ebenfalls. Fast jede zweite queere Person in Deutschland vermeidet es, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Mehr als jede dritte erlebt innerhalb eines Jahres Beleidigungen oder Diskriminierung.
Nur ein Bruchteil meldet diese Vorfälle überhaupt. Nicht weil sie unwichtig wären. Sondern weil viele überzeugt sind, dass ohnehin nichts passiert.
Bei trans* und intergeschlechtlichen Menschen erlebt etwa jede fünfte Person körperliche oder sexuelle Gewalt innerhalb weniger Jahre. Und über ein Drittel queerer Menschen hat bereits ernsthaft über Suizid nachgedacht.
Lassen Sie diese Zahlen einen Moment wirken. Denn hinter jeder Zahl steht kein Datensatz. Dahinter steht ein Mensch. Eine Schülerin. Ein Kollege. Eine Nachbarin. Ein Sohn. Eine Tochter. Eine Person, die vielleicht heute hier im Raum sitzt. Vielleicht lächelt. Und trotzdem jeden Tag überlegt, wie sichtbar sie sein darf.
Wir diskutieren in diesem Land noch immer darüber, ob Menschen sich erklären müssen. Ob Pronomen zu kompliziert sind. Ob sich Sprache ändern muss.Ob Drag „zu politisch“ ist. Ob trans* Menschen wirklich existieren. Ob Pride noch notwendig sei.
Aber wissen Sie, worüber wir viel zu selten sprechen? Über die Menschen, die jeden Morgen überlegen, ob sie heute sie selbst sein können.
Die Welt hat viele Probleme. Dass Männer Männer lieben. Dass Frauen Frauen küssen. Dass Menschen non-binär sind. Dass jemand trans* ist. Das gehört nicht dazu.
Und trotzdem wird genau darüber diskutiert. Als wäre unsere Existenz ein politischer Standpunkt. Dabei ist sie einfach nur Existenz.
Oft hören wir heute: „Warum sieht man queere Menschen plötzlich überall?“ Früher lautete dieselbe Frage: „Warum verstecken sie sich?“ Die Antwort ist dieselbe. Weil Sichtbarkeit immer einen Preis hatte. Und noch immer hat.
Sichtbarkeit ist kein Angriff. Sie ist eine Einladung. Eine Einladung zu einer Gesellschaft, in der niemand Angst haben muss, einfach nur zu sein.
Doch wir erleben derzeit einen gesellschaftlichen Gegenwind. Queerfeindlichkeit nimmt zu. Transfeindlichkeit wird politisch instrumentalisiert. Menschenrechte werden wieder zur Verhandlungsmasse.
Und Worte bleiben nicht folgenlos. Aus Worten werden Vorurteile. Aus Vorurteilen werden Ausgrenzung. Aus Ausgrenzung wird Gewalt. Hass beginnt selten mit einer Faust. Er beginnt mit einem Satz. Deshalb reicht es nicht, wenn wir Gewalt verurteilen. Wir müssen auch den Nährboden bekämpfen. Und genau hier beginnt Politik.
Politik entscheidet nicht darüber, ob Menschen queer werden. Politik entscheidet darüber, ob sie sicher leben können. Sie entscheidet über Bildungsarbeit. Über Schulen. Über Beratungsangebote. Über Schutzräume. Über Prävention. Über Sichtbarkeit. Und darüber, welche Botschaft eine Stadt sendet.
Kiel nennt sich weltoffen. Kiel nennt sich vielfältig. Kiel nennt sich solidarisch. Das sind schöne Worte. Aber Menschen leben nicht von Worten. Sie leben von Erfahrungen. Von Sicherheit. Von Respekt. Von Schutz.
Ein sicherer Hafen ist nicht der Ort, an dem eine Regenbogenflagge einmal im Jahr weht. Ein sicherer Hafen ist der Ort, an dem ein trans* Jugendlicher weiß: Ich werde ernst genommen. An dem eine lesbische Frau nachts keine Angst haben muss. An dem ein schwuler Mann selbstverständlich die Hand seines Partners hält. An dem eine non-binäre Person nicht zuerst ihre Existenz erklären muss.
Ein sicherer Hafen ist eine Haltung. Und Haltung zeigt sich nicht im Juni oder wie bei uns im Juli. Sondern auch im November. Im Stadtrat. In Schulen. In Behörden. In Sportvereinen. In Unternehmen. Immer.
Ich möchte heute deshalb keine Bitte formulieren. Ich möchte eine Erwartung formulieren.
Wenn Sie heute hier sitzen,
dann stehen Sie für Verantwortung. Nutzen Sie sie. Nicht für uns. Sondern mit uns.
Denn queere Rechte sind keine Sonderrechte. Sie sind Menschenrechte. Und Menschenrechte verlieren ihren Wert, wenn sie nur für die Mehrheit selbstverständlich sind.
Lassen Sie uns dafür sorgen, dass unser Motto keine Vision bleibt. Sondern Realität. Dass Kiel nicht nur einen Hafen besitzt.Sondern selbst einer wird.
Ein sicherer Hafen. Für alle. Nicht irgendwann. Jetzt.
